Thursday, January 20, 2022

WIDER DIE ENGE

Ein kleiner Abgesang

von Ralph Henry Fischer*

1 Zombie time


In Siri Hustvedts Roman Der Sommer ohne Männer (2011) stellt die betagte Mutter der Erzählerin lakonisch fest: „Altwerden ist schön. Das einzige Problem ist, dass dein Körper in die Binsen geht."
 So ist es. Aber das ist keineswegs das einzige Altersproblem. Ebenso gravierend ist vielleicht, dass sich heute (Ende 2021) aus der Retrospektive von (sagen wir) 70 Lebensjahren die globale Politik, Gesellschaft und Kultur seit geraumer Zeit nicht mehr progressiv, sprich zum Besseren hin, entwickelt, sondern bestenfalls einer zyklischen Abfolge von Fortschritt und Regression gehorcht – wobei zweifelhaft ist, ob sie dabei, in der Choreographie der Echternacher Springprozession (zwei Schritte vor, einer zurück), wenigstens ein bisschen voran kommt; das wäre immerhin besser als nichts (denn auch kleine Brötchen sind Brötchen) – man sollte im Alter ja tunlichst jene mild-blasse Bescheidenheit zeigen, die das baldige Entschwinden verspricht.

Doch heute lässt sich nicht einmal dieser anspruchslose Pilgerschritt konstatieren, oder allenfalls in der Umkehrung: ein Schritt vor, zwei zurück – um am Ende wo zu landen?

Im Untergang, wie sich Pessimisten (oder Realisten) sicher sind, die auf die Klimakatastrophe, die Überbevölkerung, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die Flüchtlingswellen, die Fragmentierung der Gesellschaft, die mediale Verdummung und Infantilisierung, die wachsende Armut, den Raubtierkapitalismus, den Neo- oder Retrofaschismus, den Rassismus, den Sexismus, die Zerstörung der Umwelt, die Verunglimpfung der Demokratie und die zahlreichen politischen, religiösen und ökonomischen Kriege verweisen – allesamt längst bekannte länder- und völkerübergreifende (globale) Krisen, und allesamt menschengemacht.

Ganz offensichtlich sind wir die bislang destruktivste Spezies auf diesem Planeten und attackieren dessen sensibles evolutionäres Ordnungssystem1, wuchernden Krebszellen gleich, schon zu lange in einem Ausmaß, das nun paradoxer- und konsequenterweise sogar unsere eigene Existenz in Frage stellt – die aktuelle Corona-Pandemie ließe sich auch als Versuch der Evolution deuten (ihr unzulässig eine Absicht unterstellend), die konstruktive natürliche Ordnung (ohne uns) wiederherzustellen, da wir selbst – oder vielmehr: allzu viele von uns – dazu offenkundig nicht in der Lage und willens sind. Aus Sicht der Erde (der Natur) sind wir schlimmer als der Einschlag eines Asteroiden, denn wir haben immerhin die Wahl zwischen Gut und Böse. Oder wie der Zeitreisende Cable im Film Deadpool 2 feststellt: „Eure Generation fickt diesen Planeten ins Koma!“ – womit er die zahllosen Idioten und Böswilligen, Engstirnigen und Engherzigen, Rücksichtslosen und Verblendeten aus allen Schichten meint (oft alles in einer Person), die uns tagtäglich näher an den Rand des Abgrunds bringen.

Arne Dahl wiederum lässt in seinem Roman Neid (2014) die Polizistin Kerstin Holm konstatieren: „In unserer Gesellschaft existieren Parallelgesellschaften, die glasklar den Wertekonzepten der dunklen Jahre, dem finsteren Mittelalter, verschrieben sind. In diese Welten sind weder die Renaissance noch die Aufklärung vorgedrungen.“ Ihre Gesprächspartnerin, die EU-Kommissarin Marianne Barrière, folgert: „Die Frage ist nur, wie kommen wir zurück zu den Grundfesten der modernen Zivilisation, ohne uns unterwegs im Barbarischen zu verstricken?“

Abgesehen davon, dass sich passionierte Mediävisten wohl gegen die düstere Definition ihres Forschungsgegenstands verwahren würden, hat sich die Frage der EU-Kommissarin unterdessen erledigt: Wir sind bereits tief im Barbarischen verstrickt. Ein zeitgemäßes Beispiel lieferte die Erstürmung des US-Kapitols im Januar 2021, die den prinzipiell erbosten und auf Abruf enthemmten Wutbürger als tumben, krankhaften Narziss entlarvte: Während seine rechte Hand droht, zerstört, schlägt, verletzt, tötet, nimmt das Smartphone in seiner Linken die „supergeile“ Szene auf, um sie sogleich ins Netz zu stellen und den grölenden Applaus der Gleichgesinnten zu erheischen.2  Schöne neue Welt.

Oder vielleicht doch unschöne alte Welt? Nämlich tatsächlich die eines (zumindest fiktiven) finsteren Mittelalters, das zwar zu unserer Delektierung auch Minnesänger, Troubadoure, Artus-Romane, malerische Burgen sowie imposante sakrale Bauten und Bildwerke hervorbrachte, in erster Linie aber von der Allmacht einer dogmatischen Kirche geprägt war, die mehr als 1000 Jahre lang im Verbund mit der Willkür eines feudalistischen Herrschaftssystems die große (analphabetische) Mehrheit der unfreien Bevölkerung ausbeutete, funktionalisierte und dumm hielt bzw. für dumm verkaufte; deren mühseliger, karger Alltag (bei einer Lebenserwartung von ca. 28 Jahren) wurde von fanatischem Aber- und Hexenglauben, von Fremdenfeindlichkeit, Epidemien (Pest), Pogromen, Denunziation, Inquisition, Fehden, öffentlichen Hinrichtungen und (nicht zuletzt) von blutigen, fanatischen Kriegen gegen Muslime, Heiden und Ketzer bestimmt.

Der zeitlichen Ferne zum Trotz sind uns die grausigen Bestandteile dieses Alltags keineswegs fremd, erscheinen vielmehr brandaktuell – oder umgekehrt: Das vermeintlich Brandaktuelle vergiftet periodisch die Geschichte Europas und seiner Epigonen schon seit 1500 Jahren und erscheint nur denen neu, die eben diese Geschichte nicht kennen (wollen), nicht einmal die so nahe des extremistischen 20. Jahrhunderts.

All die geifernden Verdunkler unserer Tage sind ja in Wahrheit nur Repliken oder Doubles der immer gleichen politischen Untoten, die alle Jahre wieder aus ihren Löchern hervorkriechen, um Unheil zu stiften.3 Denn an Figuren wie Bolsonaro, Erdogan, Putin, Le Pen, Orban, Höcke, Weidel, Kaczinsky, Duterte, Modi, Trump usf. gibt es weißgott nichts Überraschendes oder gar Neues zu entdecken, so wenig wie an der destruktiven „Weltanschauung“, für die sie und ihre üblen Gefolgschaften stehen.4 Nennen wir diese Weltanschauung der Einfachheit halber (und verkürzt verallgemeinernd) Faschismus und definieren wir ihn als jene wohlbekannte toxische Melange aus Rassismus, Nationalismus, Sexismus, Fundamentalismus, Autokratismus, Totalitarismus, Nepotismus und Kapitalismus, die vor allem die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Zeitalter des umfassenden organisierten Verbrechens machte. Umso schlimmer und zermürbender, ihr immer wieder (und ausgerechnet auch im Land der zwölf tief- oder kackbraunen Jahre) begegnen und entgegentreten zu müssen und stets aufs Neue den gleichen dummen und sinistren Artikulationen ihrer Verfechter ausgesetzt zu sein. 

„Schützt denn Humanismus vor garnichts?“, fragte 1980 Alfred Andersch im Nachwort zu seiner autobiografischen Erzählung Vater eines Mörders, die vom fürchterlichen klassisch-gebildeten Münchner Oberstudiendirektor Gebhard Himmler handelt. 

Denn bekanntlich folgte ja auf die despotische Düsternis und dogmatische Enge des Mittelalters die schrittweise Erhellung und Weitung der menschlichen Existenz; Humanismus und Renaissance eröffneten bis dahin ungeahnte Perspektiven, in der Kunst, der Astronomie, der Seefahrt; die Entdeckung Amerikas machte die Welt mit einem Schlag größer, simple Fernrohre dehnten den Kosmos aus usw. – Riesenschritte hin zur großen europäischen Aufklärung, die den Menschen, vor allem den bislang unterjochten, durch wissenschaftliche wie politische Revolutionen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien wollte (und will). Sie führte im 20. Jahrhundert nach der Katastrophe zweier Weltkriege, nach Auschwitz und Hiroshima zur Etablierung der Demokratie (unterschiedlicher Prägung) als der bislang überzeugendsten Regierungs- und Gesellschaftsform, die (wenigstens theoretisch) den Maximen von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit verpflichtet ist.

Dazu mannigfaltige global verantwortliche und agierende Organisationen wie die UNO und diverse NGOs, eine eng vernetzte weltweite Wirtschaft und Kommunikation sowie auf dem alten Kontinent endlich eine nationenübergreifende friedliche Gemeinschaft, die EU – all das die Grundfesten unserer modernen Zivilisation, von denen Mme. Barrière sprach.

 

2 Conan & Co.

Doch sie sprach auch von den erbitterten Feinden dieser Zivilisation, den Barbaren – im Altgriechischen barbaroi: Stammler, Stotterer, im Sanskrit barbarah: Stammler, Laller, die kaum mehr als sinnlose br-br-Laute zustande brachten und darum für die wortgewandten Griechen und Römer der Antike auf einer niederen Kulturstufe standen. 

Im intellektuellen Diskurs wäre heute eine solche Bewertung oder Abwertung selbstredend politisch unkorrekt und unstatthaft, wird mittlerweile doch prinzipielle Toleranz gegenüber Allem und Allen verlangt, ein nivellierendes Geltenlassen jedweder Position, um nur ja nicht selbst eindeutig Stellung beziehen zu müssen. 

So mutieren in der öffentlichen Debatte Retrofaschisten wie PEGIDA, Querdenker, AfDler und noch Schlimmere jählings zu besorgten Bürgern „aus der Mitte der Gesellschaft“, denen man, statt sie zu bekämpfen, eine mediale Stimme gibt – womöglich muss man sich ja irgendwann (falls sie an die Macht kommen sollten) mit ihnen arrangieren, also arrangiert man sich schon jetzt mit ihnen – wodurch sie vielleicht erst an die Macht gelangen.

Die alten Griechen und Römer waren da weniger korrekt und tolerant, wussten und erfuhren sie doch, dass die Barbaren gerade darum besonders zu fürchten waren, weil eben keine kulturelle Hemmung sie daran hindert, extrem rücksichts- und bedenkenlos ihre schlichten Interessen zu verfolgen (jeden Feind zu vernichten oder zu versklaven und sich sein Eigentum anzueignen).5  Und mit Kontrahenten, die (ein bisschen wie King Kong6) artikulatorisch (und inhaltlich) kaum über ein br-br hinauskommen (eben AfDler, „Querdenker“, Impfgegner etc.), kann man sich nicht zum freundlichen, kompromissbereiten Palaver an ein herzerwärmendes Feuer setzen, um im differenzierten Gespräch für bestehende Kontroversen eine gute gemeinsame Lösung zu finden. 

Eben das aber wäre die einzige reelle Chance, der akuten globalen Krisenlage vielleicht noch erfolgreich zu begegnen: Geschlossenheit im gemeinsamen Kampf ums Überleben – in der Realität freilich eine abwegige oder verwegene (allzu verwegene?) Hoffnung. Denn wie bitte soll man 8 Mrd. Menschen, die sich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen befinden, gleichsam an einen Tisch bringen, um einvernehmlich eine tatsächlich konstruktive Weltordnung herzustellen, mit der zwangsläufig äußerst radikale Veränderungen des gewohnten Lebensstils einhergingen?

Die distopische Antwort lautet: unmöglich!, insbesondere, wenn man an jene ausbeuterisch wohlhabenden kapitalistischen Länder denkt, deren immens aufwändiger Lebensstil die meisten der existenziellen globalen Krisen erst verursacht; und schon nur 1 Prozent der Weltbevölkerung – wie die 80 Millionen Bundesdeutschen – für diese Aufgabe (die Rettung nicht dieses Lebensstils, wohl aber ihrer Kinder) zu gewinnen, erscheint illusorisch. Denn bekanntlich wurde gerade in den reichen westlichen Staaten seit den 1980er- Jahren der solidarische gesellschaftliche Zusammenhalt durch inflationär betriebene Privatisierungen aller Art „erfolgreich“ zerstört. Die Bevölkerung des kapitalistischen Westens präsentiert sich heute heillos zersplittert – deutlich ablesbar am unkritischen Massenkonsum der asozialen digitalen Medien, die den süchtigen Nutzer in eine enge fiktive Wohlfühlblase oder -cloud schließen, für die andere Blasen nicht oder nur als bedrohliche Widersacher existieren. In der inzüchtigen Brut-Enge solcher Abschottung gedeiht eines besonders: die fortschreitende Analphabetisierung der Bewohner, denn in der digitalen Welt verflacht auch die (aufklärerische) Schrift alsbald zum platten Bild, über das man sich nicht austauschen, nicht kommunizieren kann: br-br! 

Die erwähnte Privatisierung findet ihr Endziel dort, wo jeder Benutzer eines teuren multifunktionellen Smartphones in seiner eigenen, sicheren, imaginären wolkenverhangenen Telefonzelle sitzt und nur noch solche Informationen zur Kenntnis nimmt, die ihn in seiner eingeschränkten Sicht der Welt außerhalb bestätigen. Privater geht es nicht. Und auf verquere Weise ist so das Private heute politischer7 denn je, insofern es durch das Negieren der zivilisatorischen Wirklichkeit das dräuende Barbarentum mit konstituiert.

Psychopathologisch von Interesse ist, dass sich all die Medien-Junkies, von den Herstellern und Programmierern längst rundum entmündigt und brainwashed, selbst für frei halten und diese imaginäre Freiheit gegenüber der realen Welt und ihren Erfordernissen mit Händen und Füßen und Fäusten und Drohungen und Hasstiraden und Waffen immer heftiger „verteidigen“.

Wenn etwa Corona-Leugner oder Impfgegner lautstark Freiheit für sich reklamieren, wünschen sie in der Konsequenz die Legitimation, anderen unbehelligt schaden zu dürfen. Also schaffen sie sich, ebenso wie militante Neo-Nazis, exklusive rechtsfreie Räume, no-go-areas für Nicht-Eingeborene und Linke, in die sich mitunter selbst die Ordnungs- und Sicherheitskräfte kaum mehr wagen, wenn sie sie nicht gar sympathisierend dulden. Die wohlgemuten queeren Bremer Stadtmusikanten glaubten noch: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“ – in Ostdeutschland und Osteuropa heutzutage nicht unbedingt.

 

3 Aber die Welt retten?

Eine Binsenweisheit: Wer viel besitzt, hat auch viel zu verlieren. Eigentum mag nicht generell und in jedem Fall Diebstahl sein, wie der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon einst befand, wohl aber korrumpiert es ab einer gewissen Größe die Fähigkeit, den flüchtigen materiellen Besitz in angemessener Relation zu tatsächlichen, sagen wir mitmenschlichen Werten zu sehen und darum im Zweifelsfall leichten Herzens auf ihn verzichten zu können. Und das gilt nicht nur für zu Unrecht beneidete Superreiche wie Jeff Bezos (200 Mrd. US-Dollar), Elon Musk (185 Mrd. US-Dollar) oder Richard Branson (4 Mrd. US-Dollar), die mit dem Geld, das zahllose anonyme Abhängige für sie erwirtschaften, u.a. irrwitzige, aber lukrative Weltraumflüge für andere Reiche arrangieren, um ihren aufgeblähten Egos eine weitere Super-Erektion zu verschaffen.

Schon wer nur den durchschnittlichen Lebensstandard in der Bundesrepublik verinnerlicht hat8, wird ihn kaum für die Rettung des Klimas, des Regenwalds, der Zivilisation oder von Flüchtlingen spürbar einschränken wollen. 60,7 Millionen Smartphones, 68 Millionen Fernsehgeräte, 34,9 Millionen Haustiere, 48,25 Millionen Pkw, 79 Millionen Fahrräder, 70.000 E-Scooter, 1 Million Wohnmobile und 55 Millionen Urlaubsreisen pro Jahr binden stärker als die Verantwortung für 7920 Millionen Mitbewohner auf dieser Erde und das Schicksal der nachfolgenden Generationen. Nicht der Klimawandel lässt die allzu Wohlhabenden in Panik geraten, wohl aber die Vorstellung, womöglich auf irgendetwas verzichten zu müssen.9 „Nach uns die Sintflut!“ – diese erbärmliche Losung bedeutet: Nach uns mag kommen, was will, aber so lange wir leben, sollen die Dinge gefälligst so profitabel bleiben wie sie sind!


„How dare you! Wie könnt ihr es wagen!“, schleuderte ihnen 2019 die bewundernswert undiplomatische 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg beim UN-Gipfel in New York entgegen, stellvertretend für 2,3 Milliarden Kinder und Jugendliche, deren Zukunft die Generation der Eltern und Großeltern selbstsüchtig und gedankenlos verspielt. „Ihr lasst uns im Stich“, fuhr sie empört fort, „Aber alle kommenden Generationen haben euch im Blick, und wenn ihr euch dazu entschließt, uns im Stich zu lassen, dann entschließe ich mich, zu sagen: Wir werden euch das nie vergeben! Wir werden euch das nicht durchgehen lassen!“

51 Jahre zuvor, im Mai 1968, hatte Ulrike Meinhoff, einen Vertreter der Black- Power-Bewegung paraphrasierend, konsequent definiert: „Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.“ 

Es macht Sinn, dass heute der Widerstand gegen die mutwillige Zerstörung der Welt gerade in den Händen von Besitzlosen liegt: von Milliarden Kindern und 720 Millionen extrem Armen, die mit weniger als 1,90 Dollar täglich auskommen sollen. Sie alle haben tatsächlich nichts zu verlieren als ihre Zukunft und machen sich, existenzielle Flüchtlinge par excellence, mit Recht auf, der Enge ihrer lebensbedrohenden Gegenwart zu entkommen – vielleicht ein Zufall, aber jedenfalls ein starkes Symbol, dass die Corona-Krankheit Covid-19 ausgerechnet zu extremer Atemnot und am Ende zum Ersticken führt.

Manfred Eigen, nobelprämierter nüchterner Bio- und Physikochemiker, befragt nach der Zukunft des Menschen, antwortete: „Wir stehen ganz am Anfang der Evolution vom Menschen zur Menschheit. Ich glaube, dass sich die Evolution in dieser Richtung weiterentwickeln muss, sonst bringen wir uns hier alle gegenseitig um.“

Es gilt also, den Horizont zu weiten statt ihn, wie die Faschisten aller Couleur, einzuengen. Die Welt ist ja nicht, wie Ludwig Wittgenstein dekretierte, alles, was der Fall ist, sondern alles, worauf wir uns beziehen. Und von der Quantität und Qualität dieser Bezüge hängt ab, wie weit und luftig und gesellig der Raum ist, den wir für unser Leben und das unserer Mitmenschen einrichten. „Ein Tag wird kommen, an dem unsere Häuser fallen, die Autos werden zu Schrott geworden sein, von den Flugzeugen und von den Raketen werden wir befreit sein, den Verzicht leisten auf die Erfindung des Rads und der Kernspaltung, der frische Wind wird wiederkommen von den blauen Hügeln und unsere Brust weiten, wir werden tot sein und atmen, es wird das ganze Leben sein.“10

(Köln, Dezember 2021)





*Ralph Henry Fischer
1952 geboren,
arbeitet in Köln als
Lektor und Autor.




[1] vgl. James Lovelock und Lynn Margulis zur Gaia-Hypothese

[2] Passend zu Peter Weiss' Stück Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade.

[3] Vielleicht kein Zufall, dass Zombie-Filme und -Bücher seit Jahren Hochkonjunktur haben.

[4] AfD, FPÖ, PEGIDA, Querdenker, Goldene Morgenröte, AKP, Fidesz, Jobbik, PiS, Einiges Russland, die US-Republikaner, Rassemblement National, PeruS usw. usf. 

[5] Paradebeispiele: die Konquistadoren in Amerika (und Afrika) und Hitlers Nazis in Europa.

[6] Auf dessen Insel sind wir so deplatziert wie er es in New York ist.

[7] „Das Private ist politisch!“ Mit diesem Schlagwort trugen Frauen in den 1960er-Jahren die Emanzipation auch in die (revolutionären) Partnerschaften und Familien.

[8] bei einem Bruttosozialprodukt von 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2020, also 41.000 Euro/Kopf.

[9] Dabei könnten sie bei einem Philosophen, dessen politische Haltung ihnen gewiss genehm wäre, den Satz finden: „Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt!“ – bei Martin Heidegger.

[10] Ingeborg Bachmann: Malina (1971) 










Tuesday, January 11, 2022


Das Fachmagazin tanz  ist das wichtigste deutschsprachige Journal für Ballett, Tanz und Performance. In der aktuellen Ausgabe 01 2022 nimmt der verantwortliche Redakteur Arnd Wesemann im Vorwort Bezug zu einem Text von Andrea K. Schlehwein, den Sie im Blogbeitrag vom 24. November 2021 nachlesen können.

The professional magazine tanz  is the most important German-language journal for ballet, dance and performance. In the preface of the current issue 01 2022, the editor Arnd Wesemann refers to a text by Andrea K. Schlehwein, which you can read in the blog post from November 24th, 2021.




Friday, December 17, 2021

too many heroes [reels + film 2021]


Die Unmöglichkeit, Fakt von Fiktion zu unterscheiden

10 Kameras, 1 Drohne, 6 Tänzerinnen, 4 Performer, 2 Kamerafrauen, 3 Kameramänner, 1 Statistin, 1 Assistentin und 1 Choreografin bilden das Team von too many heroes, einer Tanzfilmproduktion von Andrea K. Schlehwein + NETZWERK AKS, die in diesem Jahr eine der begehrten Sonderförderungen des BMKOES aus der Reihe Neustart Kultur #1 Von der Bühne zum Video erhielt.

Es geht um die Macht dokumentarischer Bilder, die immer schwerer zu treffende Unterscheidung zwischen Fake und Facts, wie die klare Zuordnung von Aktionen und ihren Auslösern und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Wut, Revolte und deren oftmals nicht mehr nachvollziehbaren Beweggründen.

Bilder, wie wir sie tagtäglich in den Medien sehen. Wutbürger, die nicht wissen, wohin mit ihrer Energie, gehetzte, verunsicherte Menschen, die vor ebenso realer wie irrealer Bedrohung fliehen, sich in Krise, Chaos und Aufruhr erschöpfen.


Das Konzept entstand aus dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit auf die anhaltenden Missstände in Myanmar zu richten, wo die ständige Verletzung der Menschenrechte durch die Junta seit der Machtübernahme des Militärs am 1. Februar 2021 zur traurigen Realität geworden ist.

Myanmar ist als Synonym zu betrachten, wir könnten auch Belarus sagen, China, Syrien, Mali ; Russland oder Afghanistan (Aufzählung ist endlos fortzusetzen), wo Menschen unter realen Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen leiden und ihren mutigen Einsatz für Demokratie oftmals mit Folter und dem eigenen Leben bezahlen.

too many heroes zielt in keinem Fall darauf ab, eine spezifische Realität abzubilden. Untersucht wurde die Beziehung von Körper und urbanem Außenraum, von Verletzlichkeit auf Asphalt. Eskalierende Konflikte wechseln ab mit unvermittelten Momenten der Empathie. Zu sehen ist, wie sich die individuelle Perspektive dynamischer, schwer fassbarer Interaktionsprozesse im filmischen Niemandsland eines großen Ganzen verliert.

ENGLISH

The Impossibility of Distinguishing Fact from Fiction

10 cameras, 1 drone, 6 dancers, 4 performers, 2 camerawomen, 3 cameramen, 1 extra, 1 assistant and 1 choreographer make up the team of too many heroes, a dance film production by Andrea K. Schlehwein + NETZWERK AKS, which has received one the coveted special grants from the Austrian BMKOES as part of the series Neustart Kultur # 1 Von der Bühne zum Video this year.

The production deals with the power of documentary images, the increasingly difficult distinction between fake and fact, and questions about the correlation of actions and their triggers, the appropriateness of anger, revolt and their often no longer comprehensible motives.

Images that we see in the media every day. Angry citizens who don't know what to do with their energy, stressed, unsettled people who flee from real and unreal threats, exhausting themselves in crisis, chaos and turmoil.

The concept was triggered by a need to draw attention to the ongoing injustice in Myanmar, where the constant violation of human rights by the junta has become a sad reality since the military seized power on Feb. 1, 2021.

Myanmar stands as a synonym, we could also speak of Belarus, China, Syria, Mali; Russia or Afghanistan (the list goes on and on), where people suffer from real dictatorships and human rights violations and often pay with torture or their own lives for their courageous commitment to democracy.

too many heroes never aims to depict a specific reality. It's an examination of the relationship between the body and the external urban space, of vulnerability on asphalt. Escalating conflicts alternate with sudden moments of empathy. It shows how the individual perspective of elusive, dynamic processes of interaction loses itself in the cinematic no man's land of a larger whole.


too many heroes – the film




CREDITS too many heroes

All Concepts . Direction . Choreography: Andrea K. Schlehwein . Dance + Creation NETZWERK AKS: Leonie Humitsch . Alina Jacobs . Stanislaus Kernjak . Maria Mavridou . Maja Mirek . Kai Möller . Martin Schinagl . Rosalie Wanka . Ting An Ying . Roman Zotter . Filmteam: Five Element Films: Selina Nuart . Thomas Obereder . Lukas Pirkebner . Vera Polaschegg . Chris Rieder . Manuel Sackl . Assistant: Brigitte Büsken . Internship: Laura Rossbacher . Fotos: all . Editing Reels + Video: Lukas Pirkebner [Five Elements Films] + aks . Editing Trailer: Alina Jacobs . Grafik Layout + Head of Production: Eleonore Schäfer + aks . supported by Von der Bühne zum Video: BMKOES

büro für tanz | theater | produktionen 2021


Tuesday, December 14, 2021

too many heroes : trailer is out

Die Tanzfilmproduktion too many heroes entstand aus dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit auf die anhaltenden Missstände in Myanmar zu richten, wo die ständige Verletzung der Menschenrechte durch die Junta seit der Machtübernahme des Militärs am 1. Februar 2021 zur traurigen Realität geworden ist.

too many heroes zielt nicht darauf ab, eine spezifische Realität abzubilden, sondern will vielmehr eskalierende Konflikte und Unruhen widerspiegeln, wie sie heute vielerorts zu beobachten sind. Ausgangspunkt des Projekts ist ein Nachdenken über unberechenbare sozio-politische Situationen, die Krise der Weltanschauungen und die Unmöglichkeit, Fakt von Fiktion zu unterscheiden.

too many heroes erhielt eine Sonderförderung des BMKOES in der Reihe „Von der Bühne zum Video“.

Freuen Sie sich auf 11 Reels und einen 8-minütigen Tanzfilm, die alle in Kürze hier auf unserem BLOG sowie auf andreakschlehwein.com und Facebook veröffentlicht werden.



ENGLISH

The dance film production too many heroes was triggered by the need to draw attention to the ongoing injustice in Myanmar where the constant violation of human rights by the junta has become a sad reality since the military seized power on Feb. 1 2021.  

too many heroes does not aim at picturing a specific reality rather than mirroring escalating conflicts or riots which can be seen in many places nowadays. The starting point of this project is a reflection on incalculable socio-political situations, the crisis of worldviews and the impossibility of distinguishing fact from fiction.
 

too many heroes received a special grant from the BMKOES as part of the series 'From Stage to Video'.

Stay tuned for watching 11 Reels and one 8-minute dance film, which will all soon be published here, on andreakschlehwein.com and on Facebook.

 

too many heroes [trailer 2021] from Andrea K Schlehwein on Vimeo.

Das Filmmaterial für den Trailer besteht aus Handyaufnahmen aller Teilnehmer
The footage of the trailer consists of mobile phone recordings of all participants


CREDITS too many heroes

All Concepts . Direction . Choreography: Andrea K. Schlehwein . Dance + Creation NETZWERK AKS: Leonie Humitsch . Alina Jacobs . Stanislaus Kernjak . Maria Mavridou . Maja Mirek . Kai Möller . Martin Schinagl . Rosalie Wanka . Ting An Ying . Roman Zotter . Filmteam: Five Element Films: Selina Nuart . Thomas Obereder . Lukas Pirkebner . Vera Polaschegg . Chris Rieder . Manuel Sackl . Assistant: Brigitte Büsken . Internship: Laura Rossbacher . Fotos: all . Editing Reels + Video: Lukas Pirkebner [Five Elements Films] + aks . Editing Trailer: Alina Jacobs . Grafik Layout + Head of Production: Eleonore Schäfer + aks . supported by Von der Bühne zum Video: BMKOES

büro für tanz | theater | produktionen 2021

Wednesday, November 24, 2021

... für die Abschaffung des ekelhaften Begriffs "kulturschaffend"

Jedesmal, wenn ich ihn wieder lesen muss, stößt er mir unangenehm auf: Der Begriff „kulturschaffend“. Er hat einen ekligen Beigeschmack, ist belastet durch die Nationalsozialisten, die diesen Begriff als Sammelbegriff für Künstlerinnen und Künstler, für im Kulturbereich tätige Menschen als quasi Stempel-auf-die-Stirn benutzten.

Wer im Dritten Reich seiner Arbeit in Kunst und Kultur nachgehen wollte, musste Mitglied der Reichskulturkammer sein, die jedoch nur Ariern offenstand. Mit dieser Maßnahme wurde ein erheblicher Bevölkerungsanteil aktiver Künstlerinnen und Künstlern per indirektem Berufsverbot exkludiert. Das Wort „schaffend“ ist/war positiv konnotiert – bezog sich auf die Arier, „raffend“ dementsprechend negativ besetzt und meint/e die jüdische Bevölkerung.

Die Diskussion um diesen Begriff ist nicht neu, Prominente wie Eva Blimlinger oder Vereinigungen wie die KUPF – Kulturplattform Oberösterreich haben wiederholt auf diese wichtige Debatte hingewiesen. In Kärnten scheint sie noch nicht angekommen zu sein.

Gendergerecht formulieren zu wollen ist das eine, sicherlich ein aktueller Trend mit positiven Folgen – aber fangen auf tieferer Ebene nicht Bemühungen, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, Ellenbogenverhalten und Ignoranz sichtbar zu machen in einem Bewusstsein um Denkansätze an, die sich mit einer inneren Haltung auseinandersetzen und sich um Integrität im Agieren bemühen?

Ein öffentlicher Diskurs sollte viele Menschen und unterschiedliche Berufsgruppen erreichen, darin bestehen, Haltung und Sprache in ein kongruentes Verhältnis zueinander zu bringen, gemeinsam und dialogisch orientiert, historisch gewachsene Sprachgewohnheiten zu hinterfragen und scheinbar smarte, gendergerechte Begriffslösungen wie kulturschaffend abzulösen; sie durch frische Worte im täglichen Sprachgebrauch obsolet zu machen.

Andrea K. Schlehwein


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