Monday, July 17, 2023

Multizentrisch der Raum - Mehrdimensional die Perspektiven


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Andrea K. Schlehwein

Multizentrisch der Raum - Mehrdimensional die Perspektiven

Dass Kärnten mehr ist als die Summe seiner bekannt-bemühten Ingredienzen wie Natur, Lebensqualität und Tourismus, zeigt ein Blick auf eine über das Land verteilt pulsierende Kunst- und Kulturlandschaft. Neben Oper, Theater und Bildender Kunst - hier liegt der Fokus auf der Kunst des Tanzes und der Performance - haben die meisten, allen Unkenrufen zum Trotz, so einiges überlebt. Die leicht arrogante Ächtung anderer Bundesländer ebenso wie die restriktive Ära Haider, eine erst spürbar agierende Kulturabteilung als diese ihren Namen wieder trug; - die Pandemie.

Kärnten ist ein Archipel mit wilden, teils unbezwingbaren Ozeanen zwischen den Inseln. Doch das Bewusstsein, dass auch Inseln sich in Gruppen formieren, wird vorsichtig gelebte Realität. Kulturvereine und Initiativen, Eigenbrötler, Netzwerke und Impulssetzer, Festivals und Spielstätten zeichnen sich aus durch jahrzehntelang erprobte Strategien. Erfindungsreichtum, Durchhaltewille, Mut zum Risiko, Ideenvielfalt, Multitasking, Selbstausbeutung und Resilienz sind ihre Charakteristika. Sie klingen gut und gehören zum öffentlichen Bild. Bemüht wird somit ein längst überholtes, romantisierendes Bild, das nicht mehr zeitgemäß ist. Vielmehr musste hart am Wind segelnd einiges an Kraft bemüht werden, um den Motor am Laufen zu halten und mit Pandemieende durchzustarten, als wäre nichts gewesen.

Gesellschaften verändern sich manches Mal überraschend schnell und mit ihnen das Publikum, seine Gewohnheiten, sein Verhalten. Tanz und Performance existieren nicht aus Selbstzweck. Angestoßen von brennenden Fragen unserer Zeit werden gesellschaftspolitische Themen in heutiger Ästhetik reflektiert und kommuniziert. Das kann ungewohnt und unbequem sein. Nicht jede kleine Gemeinde möchte sich diese Kunstform leisten. Doch wir, die wir da sind, haben Festivals und Orte etabliert, die es ohne uns nicht gegeben hätte. Wir agieren inmitten dieser Gesellschaft, mit ihr, nicht gegen sie. Unser Ziel ist es, die Menschen zu erreichen, unser Publikum zu halten, neues stabil zu gewinnen. Das kann als starkes Zeichen der Kärntner Szene im Schulterschluss gelingen. Es braucht ein Mehr-an-Wir, denn Multitasking überfordert, wertvolle Energien werden erschöpft. Erfahrungen, Pools und Tools könnten als am Leben erhaltende, sich gegenseitig befruchtende Ressourcen begriffen werden. Unsere Strategien könnten weiterentwickelt, Ideen im Miteinander diskutiert, neue Wege gegangen werden. Neben etablierten Festivals wäre eines, das ausschließlich den Tanz zum Thema macht, wünschenswert. Ein zeitgemäßes Format, regional ausgerichtet, mit nationaler und internationaler Strahlkraft wie die dance . roads ! Im Kollektiv geleitet, mit einem aus Kärnten stammenden Programm, das innerhalb dieses Bundeslandes an verschiedenen Spielstätten tourt, sich konsequent Themen des zeitgenössischen Tanzes in Theorie und Praxis und in Wechselwirkung mit den drängenden, ökologischen Problemen dieser Zeit widmet. Schulterschluss, Ressourcen-sharing, Nachhaltigkeit, warum nicht?

Wenn wir unsere Unterschiede aushalten, sie wertschätzen, Ecken und Kanten Ecken und Kanten sein lassen und uns den übergreifenden Fragen und Themen widmen, können wir Individualität erhalten und eine gemeinsame Infrastruktur aufbauen. Wissend, dass wichtige Impulse zur Erneuerung von Kunst und Gesellschaft aus einem inneren, brennenden Zentrum generiert werden. Dort, wo gezweifelt und hinterfragt, geforscht, gebohrt und probiert wird, dort, wo Künstlerinnen und Künstler agieren, die sich die Freiheit nehmen, Risiken im Tun einzugehen: Gewohnt gekonnt, weil sie eh auf einem Drahtseil durch ihr Berufsleben balancieren.



ENGLISH


Andrea K. Schlehwein

Multicentric Space - Multidimensional Perspectives

Carinthia is more than the sum of its well-known and much-cited ingredients of nature, liveability and tourism, as we can see looking at the vibrant landscape of art and culture across the entire region. Opera, theatre and visual arts – the arts of dance and performance that we are focussing on here – most of them, despite all prophecies of doom, have survived many things. The slightly condescending attitude from other Austrian states and the restrictive Haider era; a cultural department that was hardly noticeable before it regained its name; the pandemic.

Carinthia is an archipelago with wild and partly unconquerable oceans between its islands. However, the awareness that even islands can form groups is slowly becoming a lived reality. Cultural associations and initiatives, individual artists, networks and initiators, festivals and venues distinguish themselves by strategies that have been tried and tested for decades. Inventiveness, perseverance, courage, creativity, multitasking, self-exploitation and resilience are their characteristics. They sound good and are part of the public image. Thus, an outdated romanticized image is invoked that is no longer in keeping with the times. Rather, sailing against the wind, great efforts had to be made to keep the engine running and take off again after the pandemic as if nothing ever happened.

Sometimes societies change surprisingly fast, and with them the audience, its behaviour, its habits. Dance and performance do not exist as an end in themselves. Driven by burning questions of our time, they reflect and communicate socio-political topics in the aesthetics of our time. This might be unfamiliar and discomforting. Not every small community is willing to embrace this art form. But we, the ones who are here, have established festivals and spaces that would not exist without us. We operate in the midst of society, with it, not against it. Our aim is to reach people, to keep our audience, to gain a new and stable public. Setting a strong signal, the Carinthian scene can accomplish this by working together in solidarity. More 'we' is needed, as multitasking is draining and valuable energies are being depleted. Experience, pools and tools could be understood as life-sustaining, cross-fertilizing resources. We could enhance our strategies, discuss ideas together, take new paths. Besides established festivals, a festival that focusses exclusively on dance would be desirable. A contemporary format, regionally oriented, with national and international appeal, like dance . roads ! Collectively run, with a programme originating in Carinthia, touring various venues within the region, consistently addressing topics of contemporary dance in theory and practice and in interaction with the pressing ecological challenges of today. Solidarity, sharing of resources, sustainability, why not?

If we tolerate our differences, value them, if we let corners be corners and edges be edges and dedicate ourselves to the overarching issues and topics, we can maintain individuality and establish a shared infrastructure. In the knowledge that important impulses for the renewal of art and society are generated in a burning inner centre. Where there is doubt and questioning, research, digging and testing, where artists operate in the freedom to take risks in their doing: skilled by experience, as they have been balancing on a tightrope throughout their professional lives all along.

translation: Roman Zotter


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